Es „fehlert“ – die Relativitätstheorie des Fehlers.

Wir lernen viel -oder sollten wir sagen wir könnten viel lernen – aus den Fehlern der Vergangenheit?

Was ist ein Fehler, wäre vielleicht zuerst zu fragen. Zunächst einmal, sagt Dirk Baecker , deutscher Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke, ist ein Fehler immer eine Handlung, es muss also etwas passiert sein. Kann ein Gedanke auch ein Fehler sein?

Dann, wenn man im Nachhinein feststellt, dass es entweder falsch war, überhaupt so zu denken, oder dass man dabei einem Irrtum aufgesessen ist. In jedem Fall jedoch, ob Handlung oder Gedanke, kann ein Fehler nur festgestellt werden, wenn es einen Beobachter gibt, der darüber entscheidet, ob es sich um eine richtige oder falsche Handlung, einen richtigen oder falschen Gedanken handelte. Ein solcher Beobachter können wir selber sein oder auch jemand anders. Erst aus der Beobachterperspektive heraus wird der Fehler zu einem Fehler.

Sonderbarerweise scheint der Fehler auch in der Sprache, die ja bekanntlich das menschliche Denken spiegelt, eine Sonderstellung zu haben – was wir schon daran sehen, dass es für den Fehler keinen vergleichbar prägnanten Gegenbegriff gibt.

Zu wissen, was falsch ist, ist leicht. Zu wissen, was richtig ist, schwer.

Fehler sind nach Baecker eine unbestechliche Quelle der Information über die Wirklichkeit, in der sie passieren und über die sie eine Aussage treffen, die hochgradig verlässlich ist. Natürlich kann ich mich dabei irren, wenn ich etwas für einen Fehler halte. Es kann ein Fehler sein, etwas als einen Fehler zu sehen. Aber das ändert nichts daran, dass ein Fehler, wenn ich ihn entsprechend einschätze, eine doppelte Information sowohl über die Wirklichkeit, in der er passiert, als auch über denjenigen, dem er unterläuft, enthält. Ich kann mir dann anschauen, warum dieser Fehler geschehen konnte. Anschließend weiß ich mehr über die Verhältnisse als vorher.

Somit wird der Fehler zum Botschafter und zwar als ein Botschafter aus mir bekannten oder unbekannten Wirklichkeiten. Der Lapsus linguae zum Beispiel, von dem Sigmund Freud gesprochen hat, ist ein Fehler, der mich darüber informiert, dass mein Unbewusstes die Dinge anders sieht als mein Bewusstsein.

Die Relativitätstheorie des Fehlers

Der Fehler ist eine Sprache, in der die Situation selbst spricht, sagt Baecker.

Im Stil der Philosophie Martin Heideggers müssten wir eigentlich davon ausgehen, dass es nicht nur regnen, sondern auch „fehlern“ kann. „Es fehlert“ hieße dann, dass die Wirklichkeit einen entsprechend aufmerksamen Beobachter auffordert, noch einmal anders über sie nachzudenken. Blöde Fehler gibt es demnach nicht.

Ein intelligenter Fehler ist ein Fehler, aus dem in der Situation etwas Intelligentes gemacht wird. Ein dummer Fehler ist ein Fehler, mit dem niemand etwas anfangen kann. Aber auch das kann ein interessanter Fehler sein, weil er zeigt, dass niemand auf ihn vorbereitet ist. An und für sich ist ein Fehler weder intelligent noch dumm. Alles hängt davon ab, wer was mit ihm machen kann. Nach Baecker ist dies die „Relativitätstheorie des Fehlers“. Nur was schief gehen kann, kann auch gelingen. Man braucht beide Seiten der Medaille. Es wäre ja sinnlos, von einem Gelingen zu sprechen, wenn es nicht auch misslingen könnte. Wenn etwas weder gelingen noch misslingen kann, ist es, wie es ist.

Für Baecker unterscheidet sich das Lob des Fehlers von einer Verteidigung des Falschmachens. Das Lob des Fehlers bezieht sich auf die Kunst des Lernens, um erfolgreich zu bleiben oder erfolgreich zu werden; eine Verteidigung des Falschmachens bezieht sich lediglich auf die Kunst der Sabotage, die Sand ins Getriebe streut.

Der Fehler ist damit für Baecker eine Art Spiegelreflex der grundsätzlichen Unvollkommenheit der menschlichen Befindlichkeit. Wäre das Verhalten des Menschen genetisch programmiert, wäre Fehler zu machen unmöglich. Aber das Verhalten des Menschen ergibt sich nicht nur aus seiner genetischen Programmierung, sondern auch aus seiner Interaktion mit seiner Umwelt. Das heißt, dass sich der Mensch laut Beacker „von seiner natürlichen, technischen und sozialen Umwelt instruieren, ja regelrecht trainieren lassen muss, so wie jeder Vater, sogar manche Mutter, erst von ihren Kindern dazu erzogen wird, zu begreifen, was es heißt, ein Kind zu erziehen“. Andererseits bliebe die Umwelt stumm, wenn der Mensch nicht merken würde, dass das eine gepasst hat, etwas anderes jedoch ein Fehler war. Alles andere wäre das Paradies, in dem man zwar nichts falsch machen kann, aber auch nichts richtig. „Alles ist, was es ist, und ändert sich auch nicht. Jeder Fehler bietet uns die Chance, noch einmal anders anzufangen, vorausgesetzt, wir haben ihn überlebt.“ Für Baecker ist, frei nach Immanuel Kant, der das Lachen als eine plötzliche Verwandlung einer Erwartung in nichts ansah, der Fehler die humorlose Variante des Witzes. Wer einen Witz macht, schafft damit die Möglichkeit, eine Situation anders fortzusetzen, als sie sich entwickelt hat,. Und der Fehler leistet dasselbe. „Er unterbricht ein bestimmtes Verhalten, zwingt zum Innehalten, fordert dazu auf, sich die Verhältnisse noch einmal anzuschauen, und ermöglicht es damit, anders weiterzumachen als bisher.“

Und genau darin steckt die Kraft, den Schwung des Lebens dadurch zu erhalten, dass wir Fehler als fortschrittstreibende Kraft entdecken, die wir keinesfalls aus unserem Leben verbannen oder diskriminieren dürfen. Der Schule zum Trotz!

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Es lohnt sich liebe Freunde und Kollegen diese spannende Dokumentation auf ZDF info anzuschauen.

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Die Einsteiger in die Szene sind auch bei dem Sechsteiler „Bad banks“ gut aufgehoben. Ich habe mir die 6 Teile in einer Nacht angeschaut und teile das Urteil des Handelsblattes – und freue mich auf die Fortsetzung.

Hier der link: http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/neue-zdf-serie-bad-banks-hier-wird-banking-zum-hoellentrip/21009010.html