Liebe Kollegen, liebe Freunde, liebe Launologie-Fans,

heute möchte ich gerne ein Thema anstoßen und dafür eine Interessenlage schaffen, dass mir auch seit 20 Jahren sehr am Herzen liegt und auch mit dazu beigetragen hat, gemeinsam mit meinem Sohn Frederic Merlin das Programm der „20 Minuten-Erziehung“ zu starten und mit Buch und Website die Warteerziehung in der Familie zu unterstützen.

Wie wichtig -auch im späteren Erwachsenenalter- eine gelungene Werterziehung sein kann, können wir unschwer am Beispiel vieler misslungenen Werterziehungen im aktuelle politischen Kontext (besonders in der USA – aber auch bei uns) erkennen.

Nicht wenige Psychologen und Philosophen zerbrechen sich darüber schon seit Jahrhunderten den Kopf. In der Biologie und jüngst auch in den Neurowissenschaften sucht man nach den Wurzeln der Moral in der Evolution. Und die Frage der Entwicklungspsychologie herauszubekommen, ob Moral angeboren ist oder nur ein Produkt von Erziehung und sozialem Druck ist, ist aktueller denn je.

Dazu gibt es viele Gedankenspiele und Versuche Dilemmata für schwer zu lösende moralische Konfliktfälle zu schaffen und zu untersuchen. Schön dargestellt in einer wenig bekannten Reihe von SWR2 in der Radio Akademie – hier aufzufinden: httpss://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/ra1-ursprung-der-ethik/-/id=660374/did=15253686/nid=660374/174ogtb/index.html

Die Entwicklung des Moralempfindens

In der Beschäftigung mit diesem Thema begegnen wir immer wieder den Grundüberlegungen von Lawrence Kohlberg und Jean Piaget, der auch als Vorläufer des radikalen Konstruktivismus bezeichnet wird.

Entwicklungspsychologen sehen allerdings mittlerweile die Entwicklung des Moralempfindens noch doch einmal anders als es Piaget und Kohlberg auf dem Hintergrund der damaligen Überlegungen formuliert haben. So zeigen viele neuere Experimente z.B., dass Kinder schon sehr früh ein ausgeprägtes moralisches Bewusstsein haben.

Das wurde unter anderem am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München in einer Längsschnittuntersuchung an 200 Kindern im Alter von 4 bis 11 Jahren untersucht. In dem Experiment bekamen die Kinder zum Beispiel folgende Geschichte erzählt:

So nimmt ein gleichaltriger Junge seinem Freund in einer verdeckten Situation unbemerkt Bonbons weg und vernascht sie selbst.

„Ist das erlaubt?,“ wurden die Kinder danach gefragt.

Ebenso: „Was meint ihr, wie fühlt sich der Junge, der die Bonbons weggenommen hat, hinterher?“ Gertrud Nunner-Winkler , die Leiterin der Arbeitsgruppe Moralforschung am MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften meinte dazu:

„Die Daten aus unserer Untersuchung zeigen, dass Kinder schon sehr früh, nämlich mit 4 Jahren, über ein genaues Verständnis von Regeln verfügen. Die wissen, das ist Diebstahl, das ist böse – sie verstehen also dass moralische Regeln intrinsische Geltung haben, unabhängig von Sanktionen.“

Der Begriff „intrinsisch“ heißt von innen kommen und nicht von außen übergestülpt. Das wirft ein neues Licht auf die moralische Entwicklung von Kindern. Diese sind anscheinend schon viel früher zu moralischen Bewertungen fähig, als lange angenommen wurde.

„Dass sie deshalb die Regeln auch befolgen, das steht auf einem anderen Blatt,“ so Nunner-Winkler.

Wenn man die jüngeren Kinder fragt, wie fühlt sich der Junge in der Geschichte wohl, nach dem er die Süßigkeiten gegessen hat, sagen die: Der fühlt sich klasse, denn die Süßigkeiten haben ihm toll geschmeckt. Anscheinend ist das Wissen über moralische Regeln und die Motivation, und es auch anzuwenden, zu unterscheiden.

Es sind also zwei getrennte Dinge und sie werden in unterschiedlichen Lernvorgängen erworben. Beginnend kommt vermutlich also das moralische Wissen, das über Sprache, die Regeln der Institutionen und über die Eltern vermittelt wird. Hier setzt ja zum Beispiel auch unsere 20 Minuten-Erziehung an.

Erst danach kommt die Motivation zum moralischen Handeln. In der zitierten Untersuchung zeigt sich, dass diese zweite Phase oft lange dauert. Bis zum 11. Lebensjahr war sie nur bei einem guten Drittel der Kinder überzeugend abgeschlossen. Die restlichen zwei Drittel waren wenig motiviert, sich moralisch korrekt zu verhalten. Aber – und das ist hier entscheidend – sie wussten durchaus, was zu tun wäre.

Bereits Babys haben ein Gespür für Moral

Anscheinend haben schon Babys ein Gespür für Moral, wie Psychologen der US- amerikanischen Universität Yale in einem – wie ich finde – bahnbrechenden und spannenden Experiment aufzeigten. So luden sie Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Monaten in ein Puppentheater ein.

Die Mütter haben dabei die Babys auf ihrem Schoß und die Kinder sehen drei farbige Holzklotzfiguren, auf die große Augen geklebt wurden. Diese drei Figuren bewegen sich an einem steilen Berg. Die erste Figur versucht, den Berg hinaufzuklettern, aber sie schafft es nicht. Dann kommt eine zweite Figur hinzu – der Helfer – und schiebt den Kletterer den Berg hinauf. Dann aber erscheint eine dritte Figur, der Blockierer, von oben und hindert den Kletterer an seinem Aufstieg.

Die Psychologin Kiley Hamlin ist die Erfinderin dieser kleinen Inszenierung. So untersuchte sie insbesonders die Wirkung der beiden Figuren Helfer und Blockierer auf die Babys. So verhält die eine Puppe sich eindeutig sozial, die andere eher unsozial. Die Psychologin wollte nun herausfinden, ob die Babys dies schon erkennen und ob sie eine Vorliebe für eine der Figuren entwickeln. Nach der Aufführung reichte sie den Babys deshalb die beiden Figuren auf einem Tablett und beobachtete, welcher Figur sich die Kinder zuerst zuwandten.

Das Ergebnis war eindeutig: Alle zwölf Babys wollten den Helfer als Spielzeug haben – und nicht den Blockierer. Und als die Forscherin die beiden Puppen ganz dicht nebeneinander auf den Tisch legte, guckten die zehn Monate alten Babys äußerst befremdet: Das konnten doch unmöglich Freunde sein! Gerade mal zehn Monate alte Babys sind also schon in der Lage, mögliche Freundschaften einzuschätzen. Beigebracht hat ihnen das niemand, meinte die Psychologin.

httpss://www.youtube.com/watch?v=HBW5vdhr_PA

Um in einer sozialen Welt zurechtzukommen, schlussfolgert sie, ist es besonders wichtig für Babys, zu unterscheiden, wer ihnen Schaden zufügen kann und wer ihnen hilft. Das scheint ein Baustein eines moralischen Systems zu sein, aber wir haben natürlich noch keine Beweise dafür, dass es wirklich so ist, sagt sie abschließend.

Ich fand den Versuch sehr beeindruckend und habe ihn immer mit großer Zustimmung bei meinen Vorträgen zur 20 Minuten Erziehung erzählt. Ich finde überzeugender geht kaum. Mein lieber Freund Pascal, Absolvent unserer Trainerausbildung hat gerade angefragt, ihm bei einer Studie zu helfen und die Frage zu beantworten:

Welches sind die großen Herausforderungen der heutigen Konzerne?

Das, lieber Pascal, sind die großen Herausforderungen der heutigen Unternehmen, sich der Moral und Weiterfrage zu stellen und adäquat zu handeln. Fragen, die von großer gesellschaftlicher Relevanz sind und sich von der „Heinz-Dilemma-Frage“ (siehe swr3) bis zur Erkenntnis wie sehr die deutsche Waffenlobby in die Lieferung von Kriegswaffen in Krisengebiete, wo täglich damit u.a. zehntausende von Kindern getötet werden, wie die dringend angeratenen Hinwendungen zur Klimakatastrophe erstrecken. Es ist doch erstaunlich wie anscheinend gelassen unsere verantwortlichen Politiker sich in hausinternen Machtspielen verkrampfen und vergessen, dass es eventuell schon 5 nach 12 ist.

Was können WIR tun? Nun lieben Freunde, im Alltag diee Kieselstein beachten und sich engagieren. Mehr dazu demnächst.

Mit launologischem Gruß

Euer Helmut Fuchs